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Welch stolzes Automobil

10.09.2016

Das Biedermann-Image hat man bereits vor Jahren begonnen abzulegen, aber erst jetzt, mit der neuen E-Klasse, ist es vollumfänglich geglückt.

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Mercedes-Benz wirbt seit Jahren mit einem vollmundigen Versprechen: Das Beste oder nichts. Das ist eine starke Ansage, an der jedes Modell gemessen wird. Den ganzen Stolz des Traditionsunternehmens hat man in der neuen E-Klasse vereint. Das Biedermann-Image hat man bereits vor einigen Jahren begonnen abzulegen, aber erst jetzt, mit der neuen E-Klasse, ist es vollumfänglich geglückt. Die Limousine verkörpert außen wie innen alles, wofür man bei Mercedes-Benz stehen möchte: Dank des optionalen AMG-Exterieurpakets steht der Silberpfeil sportlich gedrungen, aber wohlproportioniert auf seinen 20-Zoll-Alurädern.

Die angedeuteten Lufteinlässe am Frontspoiler schauen betont grimmig, die Seitenlinie ist eine harmonische Cuvée aus Sportlichkeit und Eleganz, die nahtlos in ein weiches, rundes und eher gedrungenes Heck übergeht. Das ­T-Modell mag vielleicht praktischer sein, aber schöner ist die Limousine. Und so viel kleiner ist der Kofferraum mit seinen 540 Litern auch nicht. Es bleibt die Erkenntnis: Kompromisslose Schönheit ist halt doch nur ein Großstadtmythos. 

Die Formensprache der E-Klasse ist ein Blickfang: Jung oder Alt, Frauen oder Männer, die Limousine zieht die Blicke förmlich auf sich. Vielleicht, weil manch ein Passant hinter den komplett abgedunkelten Scheiben im Fond einen Star oder zumindestens ein Sternchen vermutet. Oder aber, weil dieses Automobil (das Wort Auto wäre hier ein Frevel) so viel Eleganz versprüht wie ein handgefertigter Brionianzug. Schade nur, dass der Fahrer so wenig vom schicken Exterieur hat, außer er fährt ausschließlich an bodentiefen Glasschauräumen vorbei. Das dürfte wohl der Grund gewesen sein, warum der Innenraum sogar noch ein Tick schicker ausfällt. Auf feinstem braunem Ledergestühl nimmt man Platz, jeder Insasse genießt dabei die Vorzüge einer separaten Sitzheizung. Die Mischung aus spiegelglattem Klavierlack, seidenglänzenden Aluminiumapplikationen und gebürsteten Burmester-Boxen ist dabei so appetitlich garniert, dass einem fast die Freudentränen kommen.

Purer automobiler Stolz

Das schaut nicht nur gut aus, es schmeichelt dem Auge, es verzückt den Sehsinn. Das ist purer automobiler Stolz. Und wenn sich die Sonne dem Horizont nähert und trotz riesigen Glaspanoramadachs nur mehr wenig Licht in den Innenraum dringt, beginnt der zweite Satz des Wohlbefindens: Die verstellbare Ambientbelechtung wird wahrnehmbar und macht aus dem geschmackvollen Interieur eine coole Lounge. Herr, bitte lass die Fahrt nur mehr des Nächtens stattfinden. 

Wir stellen die Hypothese auf: Was so schön aussieht, muss mindestens auch so gut fahren. Das trifft in der Praxis zu, ist aber etwas differenzierter zu betrachten. Denn trotz AMG-Pakets ist die E-Klasse eine komfortable Limousine. Zwar ist der auf der Mittelkonsole platzierte Agilityschalter ein nettes Spielzeug, denn damit kann zwischen verschiedenen Lenkungs-, Fahrwerks- und Motoreinstellungen gewählt werden. Aber eigentlich reicht für alle Belange der Comfortmodus vollkommen aus, denn darin fühlt sich die E-Klasse am authentischsten an.

Die Lenkung ist direkt, bietet genügend Rückmeldung. Das Fahrwerk ist komfortabel, bügelt Kanaldeckel und Unebenheiten sauber aus. Gewisse Wankbewegungen sind vorhanden, aber nie störend. Einzig die 20-Zoll-Niederquerschnittreifen passen vom Fahrgefühl nicht zum Auto, denn kleine, kurze Kanten dringen so unnötig stark bis zum Lenker durch. 19-Zöller wären für Komfortfahrer die bessere Wahl – trotz der sicherlich weniger betörenden Optik. Im Sportmodus wird die E-Klasse spürbar direkter, die Lenkung wird strenger, das Fahrwerk straffer. Aber bevor der sportliche Ritt beginnt, zähmt die Elektronik sicher und sanft den motivierten Reiter. Ein auskeilendes Heck ist selbst im Sport+-Modus kaum zu schaffen.

Verbrauch mit Spitzenwerten

Komfortabel geht auch der Zweiliter-Vierzylinder-Dieselmotor zu Werke: Mit 194 PS und omnipräsenten 400 Newtonmetern Drehmoment gleitet man erfreulich dieselsparend durch die Landschaft. Nur 7,1 Liter hat sich die gut 1,6 Tonnen schwere Nobelkarosse auf 100 Kilometer gegönnt. Das ist ob des Luxus und des Komforts ein Spitzenwert. Maßgebliche Unterstützung erhält der Selbstzünder hierbei von der 9-Gang-Automatik, die die Schaltvorgänge butterweich und fast unmerklich durchführt.

Eingriff über Schaltwippen ist möglich, aber sowohl im Sport- als auch im Comfort- oder Ecomodus ist das vollkommen unnötig. Die Automatik erledigt ihren Job schlicht besser. Eigentlich gibt es bei der E-Klasse nur zwei Komfortmankos: Der Motorlauf ist im Innenraum durchaus wahrnehmbar und die Fahrtwindgeräusche sind ebenfalls vergleichsweise hoch.

In allen anderen Komfortaspekten wird der Mercedes-Benz seiner Klasse absolut gerecht. Und das Jammern über die etwas erhöhte Innenraumakustik ist auch wirklich auf hohem Niveau. Aber da wären wir dann wieder beim Versprechen vom Anfang: das Beste oder nichts. 

Autor: 
Philipp Bednar
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