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Test Ducati Scrambler Desert Sled - Retrokutsche mit dreckigem Charme

25.09.2019

Ducatis Scrambler-Modelle haben Fans im Sturm erobert. Die Desert Sled ist ein geländetaugliches Abenteuerbike mit Retroakzenten und technischen Upgrades. Optisch ein Gatschhupfer, ist sie dennoch nur ein Kompromiss - auch onroad.

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Ergonomie

An der Ducati Scrambler Desert Sled ist nicht viel dran. Gut so, denn ein Abenteuerbike muss keine Wuchtbrumme sein. Erste Überraschung: der hohe Sattel. Stolze 86 Zentimeter misst die Sitzhöhe. Auf der normalen Scrambler Icon beträgt diese nur 79,8 Zentimeter - um Welten niedriger. Damen und kleinere Herren werden mit der Desert Sled ihre liebe Not haben. Dafür können endlich auch großgewachsene Scrambler-Fans zu einem Bike greifen, ohne dass es unter ihnen nach Spielzeug aussieht. Windschutz gibt es keinen, dafür einen langen Kotflügelschnabel, einen Rundscheinwerfer mit Gitter und dezentralem Rundtacho, der alle Infos bereit hält. Fragwürdig: Das Schutzgitter vor dem Scheinwerfer ist genau in der Mitte offen. Funktionalität? Bauchfleck. Entweder komplett geschlossen, dass Steine erst gar keine Chance haben oder  eben weglassen. Der Lenker ist breit und hoch, liegt gut in der Hand. Auf der Desert Sled sitzt der Reiter sehr aufrecht, wie auf einer Reiseenduro. Die Spiegel bieten nicht viel Sicht nach hinten, da auf der Innenseite mehr Spiegelfläche ist als auf den Kanten. Wer gerne seine Ellbogen bestaunt - perfekt. Der Tank baut schmal, flach und kompakt (13,5 Liter Fassungsvermögen), der Sattel ist bequem und auch im Schrittbereich etwas breiter als gedacht. Die Fußrastenposition ist entspannt. Typisch Geländebike: Der Schalthebel ist etwas erhöht, um auch im Stehen und mit dickeren Endurostiefeln noch schalten zu können. Wer weiß, dass er seine Desert Sled nur wenig im Gelände bewegen wird, kann den Schalthebel ruhig tiefer stellen.

Handling

Die ersten Meter im Desert Sled-Sattel sind ungewohnt. Denn: Die Ducati fährt sich einerseits sehr leichtfüßig und flink, aber die vergleichsweisen groben Enduroreifen (Pirelli Scorpion Rally STR) walken auf der Straße doch ganz ordentlich. Es braucht ein paar Kilometer, um sich auf die groben Gummis einzustellen. Überraschend: Das geländetaufliche Fahrwerk ist gar nicht so weich wie erwartet. Der Windschutz ist tatsächlich nicht vorhanden, womit man bereits ab 120 km/h seine Nackenmuskeln bemühen muss. Anders beschrieben: Die Desert Sled fährt sich bis auf die Bereifung total narrensicher und einfach. Gewicht fahrfertig: 209 Kilogramm.

Motor / Getriebe

Das Herz der Scrambler ist wie bei den anderen 800er-Modellen ein Zweizylindermotor, lüftgekühlt, mit zwei Ventilen pro Zylinder und Öl-Luftkühlung. Aus 803 Kubik schöpft der Motor 73 PS und 67 Newtonmeter Drehmoment. Das liest sich unspektakulärer als er sich anfühlt. Denn der Vauzwo liefert bereits ab ca. 3000 Umdrehungen ruckelfreien Schub mit einem ordentlichen Bumms in der Drehzahlmitte. Bis 140 km/h zieht die Scrambler schön durch. Konstruktionsbedingt hat der Motor seine Stärken in der Mitte. Oben raus passiert nicht mehr all zu viel. Man fährt die Desert Sled drehmomentorientiert. Drehzahlorgien mag sie nicht. Der Sound ist typisch Ducati: potent, bassig. Aber wegen Euro 4 nicht mehr so emotional wie früher. Dennoch: Für einen Serienauspuff klingt dieser ganz gut. Zwei Fahrmodi stehen zur Auswahl: Journey und Offroad. Standardmodus dürfte Journey sein, bei Offroad ist die Gasannahme weicher und der Motor spricht sanfter an. Ducati spendiert der Desert Sled eine Anti-Hopping-Kupplung, die tadellos funktioniert. Geschalten wird konventionell ohne Quickshifter. Das Getriebe lässt sich dabei unauffällig gut und präzise schalten. Auch den Leerlauf findet man rasch. Aber: Die Getriebeabstufung ist eindeutig für den Straßenalltag gedacht. Der erste Gang ist für ein Geländemotorrad zu lange übersetzt. Möchte man damit bergabfahren, baut die Scrambler schnell höhere Geschwindigkeiten auf, da die Motorbremse zu gering ist. Wer in Schrittgeschwindigkeit bergab auf losem Untergrund fahren möchte, muss ständig mitbremsen. Und 209 Kilogramm plus Fahrer möchten dann erst einmal verzögert werden. Negativ aufgefallen: der kleine Tank. Zwar gab sich die Scrambler nicht übermäßig durstig, aber nach rund 200 Kilometern braucht es eine Tankstelle. Positiv aufgefallen: Die Desert Sled ist ein sehr gutes Wheeliebike. Traktonskontrolle gibt es keine. Und das ist auch gut so. 

Fahrwerk 

Die Scrambler Desert Sled hat ein um 50 Millimeter angehobenes Fahrwerk und einen anderen Rahmen als die Icon-Reihe. An der Front kommt eine 46-mm-Kayaba-USD-Gabel zum Einsatz, voll verstellbar, 200 Millimeter Federweg. Und die Gabel zeigt im Test durchaus Potenzial. Ich bin von einer butterweichen Offroadgabel ausgegangen, aber auf der Straße taucht das beim Bremsen zwar schon spürbar ein, aber nicht so ungedämpft und flott, wie gedacht. Trotzdem spricht die Gabel im leichten Gelände schön an und federt die gröbsten Unebenheiten weg. Am Heck werkt ebenfalls ein Kayaba-Dämpfer, auch mit 200 Millimeter Federweg. Vorspannung und Zugstufe sind verstellbar. Trotz dem fehlenden Windschutz, der aufrechten Sitzposition und den grobstolligen Reifen, läuft die Scrambler stur gerade aus und kennt kein Lenkerflatten - nicht mal auf der Autobahn. In Summe ist das Fahrwerk ein erfreulich guter Kompromiss aus Straßen- und leichtem Geländemotorrad mit beruhigenden Reserven. 

Bremsen

Noch skeptischer war ich biei der Bremse. Die Einzelbremsscheiben mit 330 Millimeter Durchmesser an der Front wird zwar von einem radial montierten Brembo-Sattel in die Zange genommen, aber der Biss ist wie erwartet eher sanft. Trotzdem ist die Verzögerung transparant und gut. Es fehlt der von Straßenmotorrädern gewohnte erste, sportliche Biss. Dafür sackt eben auch die Gabel nicht so flott unter einem ein, da die Bremse eher progressiv zubeißt. Das Gefühl am Bremshebel könnte präziser, knackiger sein, dafür tut man sich damit im Gelände leichter. Auch hier muss man den breiten Einsatzzweck im Auge behalten. Toll: Ducati hat der Desert Sled das Bosch 9.1MP Kurven-ABS spendiert, womit man fast unter allen Umständen bedenkenlos voll in die Eisen steigen kann, ohne Angst zu haben, dass einem blitzschnell das Vorderrad weg rutscht. Die Hinterradbremse tut was sie soll und lässt sich solide dosieren. Die Verzögerung ist leicht überdurchschnittlich. 

Aufgefallen

Wie sehr sich Ducati bei der Scrambler-Reihe um die Verarbeitung und das Design bemüht. Die Alu-Tankverkleidungen sind schön gemacht, ebenfalls der Bremshebel, Sattel und Tacho. Das schaut in Summe hübsch aus und gerade die Desert Sled bietet ein gutes, verstellbares Fahrwerk. Der Motor fühlt sich agiler und kräfter an, als es der Prospekt offeriert. 

Durchgefallen

Die merkwürdige Verlegung der vorderen Bremsleitung mit hohem Bogen über den Tacho. Warum? Die Spiegel sind ein Witz. Das Scheinwerfergitter mit dem Loch in der Mitte einfach nur eine Fehlkonstruktion. 

Testurteil Ducati Scrambler Desert Sled 800

Um 12.995 Euro bekommt man bei Ducati ein technisch modernes, optisch ansprechendes Retrobike mit Gatschflair. Das Handling ist einfach, die Sitzposition reisetauglich - gäbe es einen Windschutz. Die geringe Reichweite kann man verschmerzen. In Summe ist die Desert Sled aber ein Kompromiss: Zu schwer für echtes Gelände, zu weich, um es auf der Straße bedenklos fliegen zu lassen. Die Reifen sind mehr für Schotter und Gatsch als die Straße gedacht. Wer gerne über Feldwege räubert und auf der Straße eher kommod unterwegs ist, kann mit der Desert Sled glücklich werden.

Testurteil Ducati Scrambler Desert Sled 800, by p.bednar

Mehr Infos zur Ducati Scrambler Desert Sled

Mit freundlicher Unterstützung von TOTAL Austria

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Autor: 
Philipp Bednar