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Test Kawasaki Ninja ZX-6R - Die letzte R6-Konkurrentin

08.07.2019

Kawasaki bietet mit der Ninja ZX-6R eine der letzten 600er-Supersportlerinnen an. Sie ist eine direkte Konkurrentin zur Yamaha YZF-6R, fährt sich aber komplett anders. Zwei Welten prallen aufeinander. Am Ende ist es mal wieder eine Geschmacksfrage - und eine Frage der körperlichen Verfassung.

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Ergonomie

Ich bin von der Ducati Hypermotard 950 auf die Kawasaki Ninja ZX-6R umgestiegen. Himmel, ist das unbequem. Nein, stimmt nicht, aber sie ist eine echte Supersportlerin, bedeutet: hoher Sitz (830 Millimeter), tiefe Stummel, leicht gestreckte Sitzposition. Nein, man sitzt nicht wie der sprichwörtliche Affe am Schleifstein, aber schon stark vorderradorientiert und mit viel Gewicht auf den Handgelenken. Blick in die Rückspiegel. Schau an, in denen erkennt man sogar mehr als nur die eigenen Ellbogen. Die Sicht nach hinten ist gut. Der Sattel ist bequem, der Tank baut nicht ultraschmal wie bei vielen Zweizylinder-Bikes, aber er spreizt die Schenkel auch nicht unnötig. Die Fußrasten seit typisch für die Klasse recht hoch und etwas nach hinten versetzt positioniert. Für mich hätten sie sogar noch einen Tick weiter hinten sein dürfen, dann hätte ich mich auch noch mehr beim Beschleunigen darin abstützen können. Trotzdem fordert die Sitzposition stramme Bauch- und Rückenmuskeln und Schmalz in Schultern und Unterarmen. Der Windschutz ist mittelmäßig, die Scheibe baut eher flach. Ab Autobahntempo baut sich unter der Fahrerbrust ein Luftpolster auf, der einem angenehm Last von den Handgelenken nimmt. Im engen Winkelwerk gibt es denn nicht und die Physis des Fahrers ist gefordert. Der Tank fasst 17 Liter, die Tankuhr ist aber nur bedingt zuverlässig. Vollgetankt fahrfertig wiegt die Kawasaki Ninja ZX-6R laut Werksangabe 196 Kilogramm. Sie fühlt sich im Stand eher leichter an. Der Tacho bzw. die Instrumente sind vergleichsweise einfach gehalten. Nett: der analoge Drehzahlmesser. Heute fast schon eine Seltenheit bei den Supersportlern. 

Handling

Ich will den Kawasaki-Ingenieuren nicht zu nahe treten, aber Handling-Wunder ist die Ninja ZX-6R keines. Im direkten Vergleich zur Yamaha R6 braucht es deutlich mehr Druck am Lenkerstummel, um die Kawasaki in die Kurve zu legen. Auf engen Kursen empfiehlt sich auch der Schenkeldruck, um die Ninja zu positionieren. Nur nicht falsch verstehen: Die 6er-Ninja ist nicht behäbig oder gar schwerfällig, aber der erste Einlenkimpuls braucht eine dominate, kräftige Hand. Dann, einmal abgewinkelt, lässt sich gleich deutlich leichter dirigieren. Und genau diese Handlingeigenschaft macht sich dann später bei ihrer Stabilität bemerkbar: einmal umgelegt, liegt die Ninja satt in Schräglage und extrem stabil. In schnellen, langen Ecken fräst man sich förmlich seinen Weg durch das Asphaltband. Kurven unter 70 km/h sind nicht ihr bevorzugtes Revier, dazu ist sie zu kräfteraubend, um auf Dauer schnell zu sein. Aber wird es flotter, macht die Ninja beständig ihre Meter und Zeit gut. Sie erinnert mich dabei stark an die Suzuki GSX-R 1000. Mir scheint, beide Modelle haben Agilität geopfert, um eine irre Stabilität zu gewinnen. Insofern müssen sich jene, die zwischen Kawasaki Ninja ZX-6R und Yamaha R6 wählen, einfach nur die Frage stellen: Mag ich es wendig und agil, dann ist man im Yamaha-Lager besser aufgehoben. Steh ich auf schnelle Kurven und hohe Kurvenstabilität, wie man es sonst fast nur von den Ducati SBK-Modellen kennt, dann ist man mit der Kawasaki besser bedient. Ein Manko hat sich im Handling jedoch sowohl auf der winkeligen Testrennstrecke als auch auf der Landstraße geäußert. In sehr hoher Schräglage fängt die Front an zu pumpen. Ich konnte leider nicht herausfiltern, ob das Pumpen von der Gabel, dem Reifen oder dem gesamten Vorderbau kommt. Es fühlt sich vergleichbar damit an, wie wenn der Vorderradreifen unter hoher Bremslast an sein Limit kommt, jedoch in Schräglage wo spürbar noch genug Haftungsreserven über sind. In Summe führt es dazu, dass der Reiter bis zu diesem Punkt ein hohes Maß an Stabilität genießt, dann aber auf den letzten paar Grad Schräglage etwas im Dunkeln tappt. Man spürt nicht recht, ob Fahrwerk, Chassis oder Reifen ans Limit kommen. Genau diese Handlingeigenschaft - gepaart mit der hohen Einlenkkraft - haben mich im Sattel der Ninja nicht sonderlich schnell fahren lassen. Irgendwie konnte ich keine vertrauensvolle Beziehung zum Vorderrad aufbauen, obwohl ich den Reifen (Bridgestone S22) und der hohen Stabilität vertrauen geschenkt habe. Bei der Yamaha R6 hingegen war das Vorderradgefühl so dermaßen glasklar, dass ich mich auf der Teststrecke förmlich in einen Rausch gefahren haben. 

Motor / Getriebe

Streng genommen schummelt Kawasaki etwas bei der ZX-6R, eh genau so, wie sie es schon seit vielen Jahren machen, sie hat nämlich 636 Kubik und ist damit keine klassische R4-600er. Die Idee hinter dem Hubraumplus: mehr Bumms in der Mitte, sprich ein schöneres Fahren auf der Landstraße. Laut Werksangabe leistet die Ninja - bei maximaler Ram-Air-Leistung - 136 PS, ohne Ram-Air-Effekt sind es noch 130 Pferde. Das Drehmoment wird mit 70,8 Newtonmeter angegeben. Das ist für eine 600er-Supersportlerin recht üppig. Allerdings konnte ich das Drehmomentplus im Landstraßenbetrieb - im direkten Vergleich zur R6 - nicht erspüren. Mir kam es sogar eher umgekehrt vor: Bis ca. 7000 Umdrehungen nehmen sich ZX-6R und R6 nicht viel. Darüber bügelt die Kawasaki die Yamaha gnadenlos. Obenraus spielt die Kawasaki - im Serientrimm - in einer eigenen Liga. Da kommt dann noch ein Bumms, den die R6 einfach nicht hat, trotz höherer Drehzahl. Dafür erlaubt sich die Ninja im untertourigen Bereich spürbare Lastwechsel und hängt nicht immer supersauber am Gas. Das kann einen in Spitzkehren oder beim Abbiegen in der Stadt schon mal zu einer eckigen Linie zwingen. Sind die ersten rund 4000 Umdrehungen überwunden, läuft der Reihenvierzylinder schön weich mit einem aggressiven Ansauggeräusch. Der optionale Akrapovic-Carbonendtopf ist hübsch, macht in Sachen Sound aber nicht so viel her wie die Airbox unter dem Tank. Dafür spart er Gewicht. Überraschend hoch war der Verbrauch: im Schnitt waren es 7,3 Liter, inklusive winkeliger Rennstrecke, Wheelies, Vollgaspassagen und Bummelfahrten auf der Landstraße. Sparsam ist anders. Insofern sollte man die Tankstellenbesuche alle 240 Kilometer einplanen, da die Tankuhr - wie bereits erwähnt - eine wechselhafte Restreichweite ausgibt. Bei der Ninja kommt ein Quickshifter nur für das Hochschalten zum Einsatz. Der Funktioniert gut und unauffällig. Eine Blipper-Funktion - kupplungsloses Runterschalten - wäre ebenfalls nett gewesen, zumal Kawasaki die Technik im Regal liegen hat, aber gut, irgendwie muss etwas eingespart werden.

Fahrwerk

Als ich die 6er-Ninja dem Importeur retourniert habe, war ich überrascht: "Das Fahrwerk ist sicher zu weich eingestellt, für die Straße eben", hieß es. Da hab ich große Augen gemacht, da ich das Fahrwerk (Gabel und Federbein) als recht straff empfunden habe. Aber gut, alles der Reihe nach. An der Front arbeitet eine vollverstellbare 41-mm-USD-Gabel - typisch für diese Fahrzeugklasse. Und wie ich meine: Das Setting ist knackig. Am Heck kommt ein angelenktes Federbein mit Ausgleichsbehälter und ebenfalls voller Einstellbarkeit zum Einsatz. Auch das Heck fühlt sich knackig an. Vor allem bei niedrigeren Geschwindigkeiten habe ich das Gefühl, dass das Fahrwerk etwas überdämpft ist. Erst bei flotterer Gangart, wenn man schärfer anbremst, härter ans Gas geht und einfach mehr Druck im Fahrwerk aufbaut, beginnt die Ninja harmonisch zu arbeiten. Bummeltempo mag sie einfach nicht. Drückt man an, wirkt das Fahrwerk nicht mehr knochig, sondern satt und präzise. Gepaart mit der hohen Stabilität lässt es sich dann auch bei Highspeed über vergleichsweise schlechte Straßen fegen, da das Fahrwerk plötzlich arbeitet. Über einen Pass mit vielen Asphaltkanten hat man also die Wahl: Entweder im Bummeltempo drüber und jede Kante in Bandscheiben und Handgelenken spüren, oder den inneren Schweinehund besiegen und Stoff geben, um ausbalanciert über die Unebenheiten zu kommen. 

Bremsen

Eine 600er einzubremsen ist per se keine große Kunst. Aber die Nissin-Bremsanlage der ZX-6R ist hervorragend abgestimmt. Der Druckpunkt ist präzise, obwohl sich im Testmodell offenbar ein kleines Luftbläschen in der Bremsleitung abgesetzt hat, da ein minimales Fading spürbar war. Der Hebelweg ist knackig, der erste Biss sportlich. Erhöht man den Hebeldruck mit nur einem Finger, ist der zweite Biss supersportlich und die Ninja verzögert transparant und heftig. Dank ihrer stabilen Auslegung bringt man die Bremskraft auch locker auf die Straße. Das ABS setzt spät und sanft spürbar ein. Bis ins ABS bremsen vor Kurven geht und bringt kaum Unruhe in die Ninja. Anders gesagt: eine Spitzenbremse. Die zwei 310-mm-Scheiben haben mit der knapp 200-kg-Ninja leichtes Spiel. Die Hinterradbremse war unauffällig solide. Mehr fällt mir dazu nicht ein. 

Aufgefallen

Wie viel Kraft die Ninja bei langsamen Tempo für Richtungswechsel braucht. Agil ist anders. Wie kräftig der Motor obenraus andrückt. Super Bremsen. Knackige Optik, toller Sound aus der Airbox - richtig schön rotzig. Gute Rückspiegel. 

Durchgefallen

Das Display ist etwas aus der Mode geraten, die Tankuhr ist zu unpräzise für die Klasse. Der Verbrauch ist überraschend hoch, die Lastwechselreaktionen sind speziell im ersten Gang gewöhnungsbedürftig. 

Testurteil Kawasaki Ninja ZX-6R

Die 6er-Ninja hinterlässt bei mir einen gespaltenen Gesamteindruck. Mit 13.499 Euro ist sie deutlich günster als die Yamaha R6 (um ca. 1500 Euro) und das Hubraumplus sollte ihr im Landstraßenbetrieb Vorteile verschaffen - tut es aber nicht. Die R6 ist in meiner subjektiven Wahrnehmung präziser und agiler, die Ninja dafür deutlich stärker (bei höheren Drehzahlen) und in Highspeedpassagen stabiler. Ich würde sagen: Auf der Langstraße die R6 und auf dem Ring die Ninja. Ich hätte es mir genau anders herum gedacht. Schön gemacht sind beide, die Ninja verlangt aber einen fitteren Reiter. 

Testurteil Kawasaki Ninja ZX-6R, by p.bednar

Mehr Infos zur Kawasaki Ninja ZX-6R

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Autor: 
Philipp Bednar